Was sind chronische Schmerzen?
Als chronisch gelten Schmerzen, die länger als drei Monate anhalten oder wiederkehren. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) sind in Deutschland schätzungsweise 23 % der erwachsenen Bevölkerung von chronischen Schmerzen betroffen – Rücken- und Nackenschmerzen, neuropathische Schmerzen sowie Kopfschmerzen stehen dabei an erster Stelle.¹
Chronischer Schmerz ist nicht nur ein Symptom, sondern wird von der Internationalen Vereinigung zur Erforschung des Schmerzes (IASP) seit 2019 als eigenständige Erkrankung klassifiziert.²
Ursachen und Mechanismen
Chronische Schmerzen können viele Ursachen haben:
- Nozizeptiver Schmerz – durch Gewebeschäden (z. B. Arthrose, Rückenleiden)
- Neuropathischer Schmerz – durch Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems (z. B. Polyneuropathie, postherpetische Neuralgie)
- Nozioplastischer Schmerz – veränderte Schmerzverarbeitung ohne klar erkennbare Ursache (z. B. Fibromyalgie)
Ein zentrales Phänomen ist die zentrale Sensitivierung: Das Nervensystem bleibt dauerhaft in einem erhöhten Erregungszustand, wodurch Schmerzreize verstärkt wahrgenommen werden.
Konventionelle Therapieoptionen
Die aktuelle S3-Leitlinie „Nicht-spezifischer Kreuzschmerz" (AWMF) sowie die Nationalen VersorgungsLeitlinien empfehlen multimodale Therapieansätze, die medikamentöse und nicht-medikamentöse Maßnahmen kombinieren:³
Nicht-medikamentöse Therapien
- Physiotherapie und gezielte Bewegungstherapie
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) – besonders bei schmerzbedingten Schlaf- und Stimmungsproblemen
- Entspannungsverfahren (z. B. Progressive Muskelentspannung, MBSR)
- Interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST)
Medikamentöse Therapien
Die medikamentöse Behandlung richtet sich nach Schmerztyp und -intensität. Gängige Substanzklassen sind:
- NSAR (z. B. Ibuprofen, Diclofenac) – für nozizeptive Schmerzen
- Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Duloxetin) – besonders bei neuropathischen Schmerzen
- Antikonvulsiva (z. B. Gabapentin, Pregabalin) – ebenfalls bei Neuropathien
- Schwache und starke Opioide – bei mittleren bis starken Schmerzen, mit sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung
Cannabisbasierte Arzneimittel in der Schmerztherapie
Seit der Zulassung 2017 und besonders nach den gesetzlichen Änderungen 2024 werden cannabisbasierte Arzneimittel als Zusatzoption in der Schmerztherapie diskutiert. Laut dem Deutschen Ärzteblatt (Häuser et al., 2017) gibt es moderate Evidenz für eine Wirksamkeit von Cannabinoiden bei neuropathischen Schmerzen.⁴
Eine Metaanalyse in *The Lancet* (2018) fasste 47 randomisierte kontrollierte Studien zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass cannabisbasierte Arzneimittel im Vergleich zu Placebo eine statistisch signifikante, klinisch aber moderate Schmerzreduktion erzielen konnten.⁵
Wichtig: Cannabisbasierte Arzneimittel sind keine Erstlinientherapie. Sie kommen laut aktueller Studienlage vor allem dann in Betracht, wenn:
- konventionelle Therapien nicht ausreichend wirksam waren oder schlecht verträglich sind
- eine ärztliche Indikation für eine adjuvante Schmerztherapie vorliegt
Die Verschreibung erfolgt durch einen Arzt nach individueller Prüfung des Einzelfalls.
Wann sollte ich einen Arzt aufsuchen?
Bei anhaltenden Schmerzen, die länger als sechs Wochen bestehen oder sich trotz Behandlung verschlechtern, ist eine ärztliche Abklärung dringend empfohlen. Nur ein Arzt kann beurteilen, welche Therapieform für Ihre spezifische Situation geeignet ist.
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*Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wenden Sie sich bitte an einen Arzt.*
Quellen
1. RKI – Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA 2022/2023-EHIS) 2. Treede RD et al. (2019): *Chronic pain as a symptom or a disease.* PAIN 160(1):19–27 3. AWMF S3-Leitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz (Registernr. 033-051) 4. Häuser W et al. (2017): *Cannabinoide in der Schmerzmedizin.* Deutsches Ärzteblatt 114(38):627–634 5. Aviram J, Samuelly-Leichtag G (2017): *Efficacy of Cannabis-Based Medicines for Pain Management.* J Pain Res 10:2489–2510